
Warum Reiten im Kopf beginnt
Die unterschätze Kraft des Mental Coachings
Wir investieren in maßgeschneiderte Sättel, hochwertige Fütterung und den besten Reitunterricht. Doch oft vergessen wir die wichtigste Komponente im Sattel: Unseren eigenen Kopf.
Hattest du schon einmal das Gefühl, dass dein Pferd bereits weiß, dass du Angst vor dem Oxer hast, bevor du ihn überhaupt anreitest? Oder dass du im Training Lektionen auf L-Niveau reitest, aber in der Prüfung nicht einmal einen ordentlichen Zirkel schaffst?
Als Trainerin C und Reittherapeutin weiß ich: Reiten ist vor allem auch Kopfsache! Warum das so ist und was die Wissenschaft dazu sagt, erfährst du in diesem Artikel.
Das Pferd als Spiegel – Biologie statt Zauberei
Pferde sind als Fluchttiere Meister darin, kleinste Veränderungen in ihrer Umwelt wahrzunehmen. Das schließt unsere Körperspannung, unsere Atemfrequenz und sogar unseren Cortisolspiegel (Stresshormon) ein.
Wenn wir mental blockiert sind – sei es durch einen Sturz in der Vergangenheit oder den Druck auf einem Turnier – sendet unser Körper Warnsignale. Wir werden fest in der Mittelpositur, die Atmung wird flach, die Hand unflexibel. Das Pferd interpretiert dies als Gefahr oder Unbehagen. Das Ergebnis: Es spiegelt unsere Anspannung.
Was sagt die Wissenschaft?
Mental Coaching ist kein „Hokuspokus“, sondern basiert auf sportpsychologischen Fakten, die im Hochleistungssport längst Standard sind:
1. Die Macht der Visualisierung
Studien zeigen, dass das reine mentale Durchspielen einer Bewegung die gleichen neuronalen Bahnen aktiviert wie die tatsächliche Ausführung. Eine Metastudie von Dr. Anne-Marie Elbe (Universität Kopenhagen) belegt, dass psychologische Interventionen die sportliche Leistung signifikant steigern können. Im Reitsport bedeutet das: Wer seine Aufgabe - egal ob Parcour, Training oder Ausritt - im Kopf fehlerfrei und ruhig durchreitet, programmiert seinen Körper auf Erfolg.
2. Emotionsregulation und Sicherheit
Eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln (u.a. durch Dr. Gaby Bußmann) zur Psychologie im Pferdesport verdeutlichte, dass Angst und Stress die Feinmotorik massiv stören. Mental Coaching hilft dabei, die „Angst-Schleife“ im Gehirn (Amygdala) zu unterbrechen und durch gelernte Entspannungstechniken (z.B. Box-Breathing oder Anker-Techniken) die Kontrolle zurückzugewinnen.
3. Die Rolle des Selbstvertrauens nach Traumata
Nach Stürzen oder anderen schwierigen Erlebnissen leiden Reiterinnen oft unter einer Form von „posttraumatischem Stress“, der das Vertrauen untergräbt. Die Forschung zur Selbstwirksamkeitserwartung (nach Albert Bandura) zeigt, dass Menschen, die an ihre eigenen Fähigkeiten glauben, Rückschläge schneller verarbeiten. Mental Coaching setzt genau hier an, um das verloren gegangene Vertrauen Schritt für Schritt wieder aufzubauen.
Die Vorteile auf einen Blick:
- Sicherheit: Eine mental stabile Reiterin ist eine sicherere Reiterin.
- Harmonie: Dein Pferd versteht klare, entspannte Hilfen besser als unterdrückten Stress.
- Erfolg: Turniersiege werden zwischen den Ohren entschieden.
- Lebensqualität: Der Stallbesuch wird wieder zum Ort der Entspannung, nicht zum Stressfaktor.
Mein Ansatz: Fachwissen trifft Empathie
Durch meine Ausbildung als Trainer C und Reittherapeutin betrachte ich Mental Coaching nicht isoliert.
Ich verbinde Reilehre, Sitz und Einwirkung wirkungsvoll mit der Arbeit an deinen Gedanken und wir arbeiten gemeinsam an der Einheit von Geist, Körper und Pferd.
Fazit: Wir wollen gelassene, zufriedene Pferde, dafür braucht es gelassene Reiterinnen. Daher gehört zur Arbeit mit dem Pferd immer auch die Arbeit an sich selbst. Denn eine gelassene Reiterin ist das größte Geschenk, das man einem Pferd machen kann.
Quellen & Lesetipps für Interessierte:
Schack, T. (2010): Die kognitive Architektur menschlicher Bewegungen. (Grundlagen zur Visualisierung).
Bußmann, G. (2012): Mentales Training im Reitsport. FN-Verlag.
Bandura, A. (1997): Self-efficacy: The exercise of control. (Grundlagen zur Selbstwirksamkeit).
Wie finde ich eine gute Coach?
Was sollte ich bei der Suche beachten?
Der Markt ist riesig und das Angebot schier unendlich.
Da kann man sich schon mal überfordert fühlen...
Deshalb gibt es hier ein paar Tipps, die bei der Suche helfen können:
- Qualifikation: Wie fundiert sind Aus- und Weiterbildung der anbietenden Person? Verfügt sie über Berufserfahrung? Eigene Erfahrungen im angebotenen Coaching-Bereich erhöhen die Glaubwürdigkeit.
- Haltung: Seriöse Coaches versprechen keine fertigen Ergebnisse oder "Wunder". Lösungen werden nicht vorgegeben, sondern der Prozess professionell und ergebnisoffen gestaltet.
- Kennenlernen: Ein kostenloses Kennenlernen ist ein Muss, um gegenseitig zu prüfen, ob die Chemie stimmt. Frage nach, ob die Person zu deinem Thema über Fachwissen, Erfahrung und Referenzen verfügt.
Vorsicht ist geboten, wenn du emotional unter Druck gesetzt wirst, möglichst schnell buchen sollst oder Abhängigkeiten geschaffen werden. Auch bei der Anpreisung einer Wundermethoden oder einem 100%-igen Erfolgsversprechen und ausschweifender Selbst- statt Klientenzentrierung solltest du Abstand nehmen.

Mental Coaching vs. Mental Training
Was ist der Unterschied?
In der Praxis werden die beiden Begriffe oft synonym verwendet, manchmal überschneiden sie sich auch in ihrer Vorgehensweise. Dennoch gibt es durchaus eine Abgrenzung:
- Mental Coaching: Fokus auf Prozess, Reflexion und Arbeit an der inneren Haltung, um z. B. Blockaden zu lösen oder Entscheidungen zu treffen.
- Mental Training: Fokus auf dem Erlernen gezielter Techniken und konkreter Werkzeuge, z. B. zur + Leistungssteigerung, Automatisierung von Ablaufen, v. a. im Leistungssport.

Im Coaching versteht sich die Coach eher als Prozessbegleiterin, die dich durch Fragen zu eigenen Lösung führt, während du im Mental Training mehr Instruktionen und Übungen erhältst.
Natürlich kann sich das während des Coaching-Prozesses überschneiden. Bei der Auswahl der Coach empfiehlt es sich daher, gezielt nach der Vorgehensweise zu fragen, um die richtige Person für deine Thematik zu finden.
